Als der Krieg nach Kallenhardt kam
Mehr Stühle hätten im Pfarrheim kaum Platz gefunden: Bis auf den letzten Platz besetzt war der Saal am Dienstagabend, als Dr. Lukas Grawe, Archivar der Städte Warstein und Rüthen, die Besucher mit auf eine Reise zurück in das Frühjahr 1945 nahm. Im Mittelpunkt standen Ereignisse, die sich unmittelbar vor ihrer Haustür abgespielt hatten – amerikanische Panzer vor dem Ort, weiße Fahnen an den Häusern, Kämpfe in Kallenhardt und Menschen, die in Kellern und später in der St.-Clemens-Kirche Schutz suchten.
Frank Burg, 1. Vorsitzender des Fördervereins, begrüßte die zahlreichen Besucher. Grawe machte deutlich, dass sich das Kriegsende in Kallenhardt nicht allein auf den Tag der Besetzung reduzieren lässt. Er spannte den Bogen von den letzten Kriegswochen über die Kämpfe Anfang April bis in die entbehrungsreiche Nachkriegszeit. Dabei stützte sich der Stadtarchivar neben bekannten Darstellungen auch auf die Kallenhardter Schulchronik sowie zahlreiche Erlebnis- und Erinnerungsberichte.
Wie nahe der Krieg inzwischen gekommen war, zeigte sich bereits in der Nacht vom 7. auf den 8. März 1945. Nahe dem „Rabennest“ stürzte ein kanadischer Lancaster-Bomber ab. Alle fünf Besatzungsmitglieder kamen ums Leben. Viele Kallenhardter wurden in der Nacht durch ein „unheimliches Getöse“ geweckt und suchten aus Angst vor einem Luftangriff Schutz in ihren Kellern.
Weiße Fahnen und ein Tiger-Panzer
Anfang April stand die Front unmittelbar vor Kallenhardt. Rund 100 deutsche Soldaten hatten sich im Ort gesammelt. Zu ihrer Bewaffnung gehörte auch ein schwerer Tiger-Panzer. Das Kommando führte der erst 19-jährige Leutnant Heinz Scholz. Obwohl eine Verteidigung angesichts der militärischen Lage praktisch aussichtslos war, wollte er Kallenhardt nicht kampflos aufgeben.
Am 3. April näherten sich vier amerikanische Sherman-Panzer aus Richtung Nuttlar. Nach einem kurzen Schusswechsel zogen sie sich zunächst zurück. Gleichzeitig versuchten Einwohner, mit improvisierten weißen Fahnen eine kampflose Übergabe zu erreichen. Scholz ließ die Fahnen jedoch wieder einholen und drohte bei Widerstand mit Erschießungen.
Drei Tage später wurde es ernst. Am Morgen des 6. April kündigten Geschütz- und Granatwerferfeuer den amerikanischen Angriff an. Soldaten rückten von drei Seiten auf Kallenhardt vor, während viele Einwohner in ihren Kellern ausharrten. Zwei amerikanische Soldaten gelangten bis auf den Turm der St.-Clemens-Kirche und nutzten von dort den Überblick über den Ort. Der deutsche Widerstand brach innerhalb kurzer Zeit zusammen. Sieben deutsche Soldaten fielen, rund 50 gerieten in Gefangenschaft. Auch auf amerikanischer Seite gab es Tote.
Der Krieg hinterließ seine Spuren mitten im Dorf. Die Kallenhardter Schule wurde nach den Kämpfen von amerikanischen Soldaten in Brand gesetzt. Ihr Inventar und dort untergebrachte Wertgegenstände gingen in Flammen auf. Die Schulchronik bezeichnete die später zurückbleibenden Trümmer als „Denkmal des Irrsinns“. Zahlreiche Einwohner wurden zudem aus ihren Häusern geholt und für zwei Nächte in der Kirche festgehalten.
Das Kriegsende bedeutete noch keine Normalität
Mit der Einnahme Kallenhardts war der Krieg für die Menschen im Ort rund einen Monat vor der deutschen Kapitulation beendet. Frieden bedeutete jedoch keineswegs die sofortige Rückkehr zur Normalität. Ausgangssperren, Einquartierungen und Lebensmittelknappheit bestimmten den Alltag. Hinzu kamen Flüchtlinge und Evakuierte, für die Wohnraum geschaffen werden musste.
Wie stark sich Kallenhardt dadurch veränderte, verdeutlichte Grawe mit Zahlen: Lebten 1939 gut 1000 Menschen im Ort, waren es 1946 bereits 1588 – ein Anstieg um rund 50 Prozent. Teilweise lebten in den Häusern doppelt so viele Menschen wie vor dem Krieg. Von den 250 Kindern der Kallenhardter Schule stammten im November 1946 allein 106 aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten.
Zu den bedrückendsten Passagen des Abends gehörte der Blick auf die nationalsozialistischen Verbrechen unmittelbar vor Kriegsende. Zwischen Suttrop und Kallenhardt wurden im März 1945 56 Frauen und Männer sowie ein Säugling ermordet. Nachdem die Massengräber entdeckt worden waren, mussten die Einwohner Kallenhardts und Suttrops am 3. Mai an den exhumierten Opfern vorbeigehen. Die von Grawe zitierten Erinnerungen zeigen, wie tief sich dieser Anblick gerade bei den damals jungen Zeitzeugen eingeprägt hatte.
Am Ende stand die Frage, wie die Kallenhardter selbst das Kriegsende wahrnahmen. Grawe zeichnete dabei kein einfaches Schwarz-Weiß-Bild. Die Menschen in Kallenhardt hätten das Ende des Krieges überwiegend mit Erleichterung aufgenommen. Für viele begann jedoch gleichzeitig eine entbehrungsreiche Nachkriegszeit, geprägt von der Sorge um Lebensmittel und Wohnraum sowie um vermisste oder in Kriegsgefangenschaft geratene Angehörige.
Nach dem Vortrag bedankte sich Frank Burg bei Dr. Lukas Grawe für den ebenso detailreichen wie lokalgeschichtlich ausgerichteten Abend.
